McKintys Hoffnung: Der Krimi revolutioniert die englische Literatur

Adrian McKinty haut drauf. Bestenfalls „wohlwollende Herablassung“ bringen die britischen Mittelschichtautoren auf, wenn sie Figuren unter ihrem sozialen Niveau beschreiben. Nicht so der Krimi. Als Literatur des „proletariats“ (!) – so im Original Oxford-Absolvent McKinty – spreche er in der Sprache der Arbeiter über das Leben der einfachen Menschen in Manchester, Birmingham oder Botswana.
Wie die Punkbands der siebziger Jahre die „Upper-class-music“ gekillt hätten, so wird der Krimi die Upper-Class-Literatur killen, hofft Adrian im Guardian. Obwohl er weiß, dass die Punkrevolution gescheitert ist. Trotz und alledem!

4 Gedanken zu „McKintys Hoffnung: Der Krimi revolutioniert die englische Literatur

  1. Else Laudan

    WOW! Ich erhebe mich und applaudiere anhaltend. Danke, Robert, für diese umfassende Abklapperung des Feldes voller weiterdenkenswerter Impulse!
    Obwohl ich das fast alles spannend finde, scheint mir ein bestimmter Aspekt hier besonders wesentlich und fruchtbar für eine in Krimis machen 2 anzustrebende aktuelle (inhaltliche und formale) Genrebetrachtung, nämlich:
    „Dass im Trash die Wahrheit liegt, haben die Popjournalisten der 80er Jahre gepredigt, mit dem Erfolg, dass der Trash nun alle Medien bis hin zum Theater erstickt und man sich nach ein wenig Seriosität geradezu sehnt.“ – Ich glaube, das sollten wir thematisch unbedingt vertiefen, denn es klärt vielleicht/hoffentlich/ansatzweise einen Bereich, in dem unendlich viel kluggeschissen wird, in dem massenweise Politisches steckt, in dem aber auch zunehmend als angeblich brandneue Entwicklung verkaufter Dummsinn grassiert!
    Impulsive Stichworte von mir dazu, ganz spontan: Wo immer „der Markt“ uneingeschränkt bestimmt, breitet sich Verblödendes aus. Und „der Markt“ reißt sich – Stichwort Passive Revolution – alles unter den Nagel, was irgend populär zu sein oder zu werden verheißt. Wie lässt sich Kultur gegen Herrschaft seriös (im obigen Sinn) (re-)produzieren? Wo braucht es Anliegen, wo absolute Sturheit, um nicht a) vom Mainstream weggespült zu werden oder b) einsam in der Sektiererecke zu vergammeln? z.B. Pulpmaster ist m.E. eins der schönsten verlegerischen Projekte der Gegenwart, entsprechend mit lächerlicher Auflage und Verbreitung. Aber Pulp-Trittbrettfahrer fluten (nicht nur) den Mainstream mit überflüssigem Scheiß. Folgefragen: Wer sortiert für wen?
    Und so weiter …
    Freu mich jedenfalls auf Krimis machen 2.
    Bis bald
    Else

    Antworten
  2. Robert Brack

    Auch wenn ich weiß, dass McKintrys Position unhaltbar ist, halte ich sie für eine erfrischende Provokation und durchaus anregend für eine Diskussion über Funktion und Ästhetik der Kriminalliteratur sowie zur Abgrenzung von Genre und „Literatur an sich“. Hier könnte man von Chandlers Essay „The Simple Art of Murder“ bis hin zu Derek Raymonds Gedanken zur „Black Novel“ einiges zusammentragen und auch die sehr spannenden Thesen von Nele Hoffmann („A Taste of Crime“) dazu nehmen (die müsste allerdings noch jemand für uns „Proletarier“ (McKintry) volkstümlicher formulieren).

    Antworten
    1. Tobias Gohlis Artikelautor

      Lieber Robert,
      was ist denn genau unhaltbar an McKintys Position?
      Die Hoffnung auf eine „proletarische Literaturrevolution“?
      Die Hoffnung selbst?
      Oder die so haltbare Haltbarkeit der Kunstliteraturszene, die sich von popliterarischen Revolten nicht erschüttern lässt, sondern sie bestenfalls assimiliert?
      Mich wundert, dass Du als Spezialist für Revolutionen und Utopien so lässig

      ich weiß, dass McKintrys Position unhaltbar ist

      schreibst.
      Mit poprevolutionären Grüßen! Nur die besten KRIMIS AN DIE MACHT!
      ToGo

      Antworten
      1. Robert Brack

        Lieber Tobias, da du mich so provokant fragst, hier eine kurze Antwort:
        1. Insgesamt finde ich, dass McKintry ein Fass aufmacht, dessen Boden längst ausgeschlagen ist. Wieso soll eine Genre-Literatur die Literatur eines Landes retten? Da sie nur die Genre-Literatur repräsentiert, kann sie nur innerhalb des Genres eine Revolution anzetteln, wenn überhaupt. Sollte damit gemeint sein, dass die Literatur sich in Bezug auf die soziale Kompetenz bei Crime fiction bedient, so möchte ich feststellen, dass das „Proletarische“ im Genre auch nur einen kleinen Teil ausmacht. Dass ein Krimischreiber dem Volk besser aufs Maul und ins Herz schauen kann als ein „gebildeter“ Autor, ist fraglich – alles hängt von den jeweiligen Fähigkeiten und den Lebensumständen ab. Und wie viele Kriminalschriftsteller stammen denn aus dem „Proletariat“?

        2. Dass „seriöse“ (literarische) Autoren oftmals eine privilegierte Ausbildung haben und aus der Mittelschicht stammen, mag stimmen – aber vielleicht auch nicht. Ich kenne keine Statistiken über den Anteil von Arbeitern, die Autoren wurden und welche Art von Literatur sie bevorzugt schreiben. Und was heißt: Arbeiterliteratur, welches Milieu wird hier abgegrenzt? Auf jeden Fall führt das Argument, Mittelklasse-Autoren würden nicht die Sprache der Unterschicht sprechen, zu dem Schluss, dass die Arbeiter ihren Teil an der Literatur bitte übernehmen sollen. Oder sollen Mittelklasse-Abkömmlinge zu Studienzwecken Unterschichten-Praktika machen? In diesem Zusammenhang sei noch mal an die spannende Debatte in Großbritannien um die schwachsinnige Aussage von P.D. James erinnert, Abkömmlinge der Unterschicht seien nicht in der Lage sensible moralische Fragen aufzuwerfen (könnten also auch keine Sprache dafür finden). Sie argumentiert also umgekehrt. Der Shitstorm, der auf die alte Dame niederging, ist Legende und war mehr als verdient. (So gesehen tritt McKintry hier eine Debatte los, die schon mal geführt wurde.)

        3. Dass Punk Rock wirklich die Rock-Dinosaurier besiegt hat, wage ich zu bezweifeln. Man sehe sich nur die zahllosen Welttourneen der Rock-Veteranen der 60er und 70er an (Genesis war weg, aber Pink Floyd kam immer wieder). Punk ist auch keine Rebellion der Kinder der Arbeiterklasse gewesen. Die meisten Protagonisten kamen von Kunstschulen. Darüber hinaus ist bekannt, dass die Anarcho-Attitüde der Sex-Pistols vom Ex-Situationisten Malcolm McLaren entworfen (!) wurde, der das, was Bands wie die Ramones und Television Mitte der 70er in New York (als Mittelklasse-Sprösslinge aus den Suburbs) entwickelten, in Großbritannien kommerziell ausschlachten wollte – was ihm auch gelang, indem er mit Sicherheitsnadeln und kaputten Reißverschlüssen ein Pop-Spektakel anzettelte. Anarchy in the UK war ein provokanter Marketing-Trick. Das „Proletarische“ ein Verkaufsargument. Die ästhetische Revolte von Punk und New Wave war gleichwohl spannend und produktiv – aber wenig später übernahmen „reaktionäre“ Bands wie Police oder U2 das Zepter. (Das ist ohnehin das Problem vieler Revolutionen – dass die Reaktionäre das Terrain zurückerobern.)

        4. McKintry erwähnt nicht, dass es in den 90ern eine BritNoir-Bewegung gab, die, unter anderem inspiriert durch Derek Raymond, eine harte realistische Schule begründete. (Von Mark Timlin über Liza Cody bis Ken Bruen und Russel James gab es da alles Mögliche.) Derek Raymond (Abkömmling der upper class) hatte schon in den 60ern, als einer der damaligen „zornigen jungen Literaten“, abgründige gesellschaftskritische Romane geschrieben (Stichwort: Rebellion gegen das literarische Establisment). In den 70er gab es auf Genre-Seite den großartigen Ted Lewis, der zwar berühmt wurde und verfilmt, aber die Hochliteratur nicht beeinflusste. Aber ob ihn bevorzugt Arbeiter (die es damals noch gab, im UK) gelesen haben? Eine Erneuerung der allgemeinen Literatur durch das Genre kam nicht zustande. Andererseits hieß es lange Zeit, die Briten hätten es gut, weil sie keinen Unterschied machten zwischen Genre und Nicht-Genre: Graham Greene oder Eric Ambler oder John LeCarré wurden immer mal ins Spiel gebracht. Ist das also vorbei? Verwirrend. (Zumindest Graham Green hat ja Noir-Elemente verwendet …)

        5. Dass Crime Fiction und besonders Noir und Hardboiled per se „proletarisch“ sind, ist Unsinn. Echte Proleten waren hier nicht am Werk. Hammett stammte von Farmern ab, sein Vater war Handlungsreisender, er arbeitete für die Streikbrecher-Agentur Pinkerton … Chandler war Öl-Manager , bevor er pleite war und zu schreiben anfing … viele Autoren von Black Mask waren verkrachte Existenzen (und haben auch deshalb meine volle Sympathie), aber keine Proletarier. Jim Thompson eher Psychopath … James M. Cain ganz bestimmt ein spießiger Kleinbürger.

        6. Vielleicht benutzt McKintry den Begriff „Proletariat“ anders als wir Europäer. Dennoch die Frage: Wo ist es denn, das Proletariat? Eine Arbeiterklasse gibt es nirgendwo so wenig wie in England, wo das Bruttoinlandsprodukt von korrupten Politikern im Verein mit ihren größenwahnsinnigen Börsenkumpels zusammenspekuliert wird, während der Rest der Bevölkerung im Dienstleistungssektor jobbt, also im marxistischen Sinn nicht produktiv arbeitet. Sind die Mehrfachjobber die neue Arbeiterklasse? Dann ist die aber sehr heterogen und vielleicht ausgebeutet und verarscht, aber nicht klassenbewusst. Ein revolutionäres Subjekt? Wissen wir nicht spätestens seit Antonio Gramsci, dass es in komplexen modernen Gesellschaften kaum noch möglich ist, auf eine einzige Klasse zu setzen, um radikale Veränderungen zu erreichen? Sollte der gegen die herrschenden Verhältnisse anschreibende Autor dies nicht auch bedenken? Klassenliteratur à la Willi Bredel ist verlogen, die besten Romane von Anna Seghers sind die, wo sie nicht die Klasse sprechen lässt, sondern den Menschen. Eher wäre ein Franz Jung ein Vorbild, aber eben deshalb, weil er vielschichtig und widersprüchlich und trotz Parteinahme für das Proletariat radikal subjektivistisch war.

        7. Ob es schlimm ist, wenn jemand von der Genre-Literatur zur „seriösen“ Literatur wechselt, wie McKintry es Poe, Barnes und Banville vorwirft, ist auch die Frage. Was ist daran schlimm, wenn sie weiter gute, relevante Geschichten erzählen? Andererseits: Gibt es etwa keine „seriöse“ Kriminalliteratur? Dass im Trash die Wahrheit liegt, haben die Popjournalisten der 80er Jahre gepredigt, mit dem Erfolg, dass der Trash nun alle Medien bis hin zum Theater erstickt und man sich nach ein wenig Seriosität geradezu sehnt.

        8. McKintry sucht die Stimmen aus Birmingham und Manchester, die Sprache derjenigen, die in „der Literatur „zu wenig präsent sind. Aus deutscher Sicht bleibt da nur zu hoffen, dass er keinen britischen Trend zum Provinzkrimi lostritt … Und außerdem: Der globale Kapitalismus hat natürlich noch immer seine ausgebeuteten Sklaven, die echten Proletarier, und zwar massenhaft – in China, Indien, Bangladesch usw., auf allen Kontinenten. Harte Ausbeutung wie im 19. Jahrhundert in Europa ist dort an der Tagesordnung. Das Proletarische im heimeligen Europa zu suchen, wirkt da geradezu nostalgisch. McKintry lebt in Australien, damit ist er nur wenige Flugstunden vom skandalösen Elend entfernt – ein Thema für ihn? Andererseits (wenn ich mir auch mal widersprechen darf) schauen wir uns auf unseren Straßen um: Die Erniedrigten und Beleidigten werden immer mehr. Wahrscheinlich ist es gar keine Frage, ob man ihnen eine Stimme leiht – sie werden sich durch ihre reale Präsenz in die Literatur drängen, ob Genre oder nicht, wartet nur ab. Aber ob die Menschen, die heute in Mülltonnen wühlen, später einmal ihr Heil in Trash-Kunst suchen?

        9. Ein Schriftsteller ist zuerst Individuum. Er sollte sich bewusst sein über seine Herkunft und Funktion und Aufgabe. Er wird getrieben von seiner Leidenschaft für die Literatur, ob Genre oder nicht. Nur wenige sind radikal, die meisten bedienen den kapitalistischen Markt und bedienen sich im Baukasten vorgefertigter literarischer Versatzstücke. Vielleicht hat Radikalität im künstlerischen Bereich auch noch mit anderen Aspekten zu tun, als nur der vermeintlichen Klassenzugehörigkeit? (Ist Rimbauds Poesie nicht immer noch eine Provokation?) Nicht jeder ist als marktschreierischer „Mensch in der Revolte“ geboren, auch nicht jeder Schriftsteller, manche beherrschen die Subversion auf leisen Pfoten … untergraben, scheinbar konform, die (vor-)herrschenden Klischees. In jedem Fall: Die Frage nach der politischen und gesellschaftlichen Verantwortung des Individuums stellt sich allen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden wollen.

        10. Natürlich muss jeder Autor, wenn er seine Arbeit ernst nimmt, sich fragen, wozu das alles. Wieso erzähle ich den Leuten Geschichten? Nerve sie damit. Will ich etwas in ihren Köpfen bewirken? Geht es nur darum, möglichst authentisch zu sein (scheint McKintry am wichtigsten)? Will ich soziale Umstände schildern? Anklagen? Geht’s um das Menschliche schlechthin. Empört mich das Verbrechen (welches und wieso)? Schlachte ich es kaltschnäuzig aus? Will ich nur spielen? Schreibe ich nur für Markt und Geld und Massengeschmack? (Wo ist der Unterschied zwischen Massengeschmack und „proletarischem“ Geschmack?) Comédie humaine vs. Saison en Enfer? Psychoschlächter contra Autoritätsbulle? Opfer gegen Täter? Was will der Detektiv: Aufklärung statt Verklärung! Unter Nutzung aller zur Verfügung stehenden Mittel!

        Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.