Krimis Machen 2 Erste Themen

Wann und wo steht noch nicht fest, aber nachgedacht haben wir schon mal über KRIMIS MACHEN 2. Hier unsere Ergebnisse:

Diese Themen stellen wir uns u.a. vor:

1. Literaturkritik und Wertung
Formen und Medien, Professionelle und Amateure, Spezialisten und Universalisten.
Welchen Sinn und Zweck hat die Kritik von Kriminalromanen? Gibt es Unterschiede zur Kritik der Kunstliteratur?
Werden LiteraturKritik und Wissenschaft von Kriminalliteratur gebraucht, und wenn ja, von wem?
Gibt es Kriterien zur Wertung von Kriminalliteratur? Die Rolle von sog. „Buchempfehlungen“ als Kritik-Ersatz?
Welche Auswirkungen haben die Neuen Medien auf Form, Inhalt und zielgruppen der Literaturkritik?

2. Marketing/PR
Wie formt der Verlag sein Publikum?
Beispiele für den „Aufbau“ und die „Durchsetzung“ von Autoren, etwa Jussi Adler-Olsen und Dominique Manotti, Don Winslow – auf welcher Seite (Genre oder Non Genre) soll ein Autor durchgesetzt werden?.
Kann gute Literatur ein Publikum gewinnen? Mit welchen Mitteln?
Braucht Kriminalliteratur spezialisierte Marketing/PR-Leute?
Für welche Titel lohnt sich welcher Aufwand?
Warum Bestseller machen?
Die Mittel: vom Klappentext über TV-Trailer bis Socialreding-groups, die Macht oder Ohnmacht der Paratexte
3. Gute Kriminalromane erfolgreich unter die Leute bringen – Verkauf, Vertrieb, Events, Lesungen
Erfolgsgeschichten und Misserfolgsgeschichten.
Kluge und weniger kluge Events.
Vertriebsstrukturen – Machstrukturen und der intelligente Umgang damit.

4. Unterm Radar der Wahrnehmung:  Illiterate Kriminalliteratur für ein illiterates Publikum?
Von wem wird diese Art von Text produziert, von wem gelesen? Früher Heftchen, heute in Verlagen ….

5. Das Fernsehn als Leitmedium
Diktiert TV das öffentliche Bild von Krimi?
Ist die Fernsehdramaturgie auch Regelpoetik des Kriminalromans?
TV-Fiktion als Vertreibung von Realismus und Rechtsbewusstsein?

6. Übersetzerwerkstatt
Gibt es eine Ästhetik der Übersetzung von Kriminalliteratur? Beispiele, Positionen, Kontroversen.

7. Autorenförderung, Autorenausbildung
Der Autor: zwischen mythischer Figur und Wordprocessor.
Unterrichtsstrategien – was kann man in Autorenschulen lernen und was nicht?
Gemeinsame Ziele, getrennte Verfahren: Drehbuch und Prosatext.
Autorenschulen = Schwindelunternehmen?

8. Verlagsschicksale
Es gibt viele Gründe, nicht öffentlich über das zu sprechen, was in Verlagen und im Buchhandel geschieht. Die Abhängigkeiten haben existenzielle Dimensionen. Daher richten wir in diesem Blog die Kategorie „Verlagsschicksale“ ein, um trotzdem Raum zu geben, ohne Namensnennung über Demütigungen, Schreibaufträge, hierarchische Zwänge zu reden.

Dies ist eine erste Themensammlung, in der die immer noch zentrale Fragestellung Krimi – Cashcow oder Literatur vor allem an praktischen Beispielen wie auch an präzise formulierten Thesen vertieft und konkretisiert werden soll.

Wie sollte Krimis Machen 2 organisiert sein?

Wir stellen uns eine Tagung mit etwa 200 bis 300 Teilnehmern vor, wieder aus allen Bereichen der Krimiproduktion. Gruppen, die stärker als in Berlin vertreten sein/angesprochen werden sollten, sind BUCHHANDEL-VERTRETER-MARKETING sowie ONLINE-AKTIVISTEN und BLOGGER.
Ansonsten gilt: alle reden mit allen auf Augenhöhe. Die Veranstaltungsformen variieren zwischen Plenarrunden mit Podium, Vorträgen und Arbeitsgruppen.
Die Tagung sollte wieder zwei volle Tage dauern, aber mehr Zeit und Raum für informelle Gespräche und Begegnungen geben.
Ein Problem ist der Veranstaltungsort: Er muss über kleine und größere Räume verfügen, Veranstaltungstechnik und Catering haben, angenehm sein – also eher keine Uni. Er sollte verkehrstechnisch gut erreichbar sein (keine kirchliche Akademie auf dem Lande). Vorschläge mit Kontaktadressen/Ansprechpartnern nehmen wir gerne entgegen.

Und auch sonst: Machen Sie sich Gedanken, registrieren Sie sich, um eigene Beiträge zu schreiben oder mailen Sie an tg@krimis-machen.eu

Tobias Gohlis/Thomas Wörtche im Juli 2013

 

 

 

 

30 Gedanken zu „Krimis Machen 2 Erste Themen

  1. Miriam Semrau

    Ich frage mich manchmal, ob die Verlage und Übersetzer personell ausreichend aufgestellt sind, um qualitativ gute Krimis herauszubringen. Immer wieder ärgere ich mich über schlampige Übersetzungen von zB englischen Redewendungen ins Deutsche. Von orthografischen Fehlern gar nicht zu sprechen. Und letztes Jahr ist mir doch echt ein Krimi untergekommen, der auf den ersten 300 Seiten 3 unterschiedliche Vornamen für ein und den selben Protagonisten verwendet hat.
    Dann habe ich immer den Eindruck, es sollte halt um jeden Preis ein VÖ-Datum gehalten werden. Ich verstehe ja den ökonomischen Druck einer Krimireihe oder einer zügigen Übersetzung oder dass das Buch zur Messe erscheinen soll. Aber ich persönlich warte lieber 4 Wochen länger und habe dafür einen größeren Lesegenuss.
    Ob das in ein Thema beim KM2 passt, weiss ich nicht. Aber mich würde eine Diskussion zwischen Autor, Lektor, Vertrieb und Übersetzer hierzu interessieren.

    Antworten
    1. Tobias Gohlis Artikelautor

      Hallo Krimimimi,
      wir haben fest vor, das Thema Übersetzungen am 27. u. 28. Juni in Frankfurt bei Krimis Machen 2 zu behandeln. Bitte sammeln Sie Beispiel und Materialien! Wir wollen zur Sache diskutieren.
      herzlich ToGo

      Antworten
  2. Kathrin Lange

    Sehr geehrter Herr Gohlis,

    ich wurde durch eine Verlegerin auf Ihre Seite aufmerksam gemacht und lese nun mit Interesse die Postings zur Planung der zweiten Tagung. Als Autorin, die sich mit ihren Romanen im Genre tummelt und parallel dazu aber versucht, jungen Menschen literarisches Schreiben beizubringen (s. http://www.lilawo.de), interessiert mich besonders das Spannungsfeld zwischen E und U. Die Fragen, die mich umtreiben: Geht beides? Geht es zeitgleich? Abwechselnd? Wie wird es wahrgenommen und zwar sowohl von Kritiker- als auch von Leserseite? Was kostet es die Autorin – emotional und auch energetisch. Der Selbstversuch läuft, sozusagen …
    Gern würde ich mich also in die Planungen und evtl. bei Bedarf auch in die Organisation dieser Tagung einbringen.
    Viele Grüße
    Kathrin Lange

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  3. Else

    Verantwortung

    Eine Frage, die mich nie loslässt, vor der viele aber zurückschrecken. Eine Frage, die u.a. Robert Brack unermüdlich aufwirft, die für mein Gefühl weit in viele der bisher angesprochenen Themen hineinragt und die, ernsthaft gestellt, vielleicht eine starke, qualitativ wie gesamtkulturell eingreifende Diskussion in Gang bringen könnte: die Frage nach der Verantwortung.

    In der Schreibausbildung halte ich sie für unabdingbar. Warum stellen wir sie nicht explizit, fordern Geschichtsbewusstsein und Respekt vor der potenziellen Intelligenz des Publikums? Hans-Peter Roentgens anschauliche Beispiele für bequemes oder unbedarftes Wiederkäuen von Klischees, die niemand braucht [Das ergibt dann Banker, die was sind? Natürlich gierig. Muslime, die Zwangsheiraten organisieren (oder, bei politisch korrekten: die immer nett und freundlich sind). Politiker, die korrupt sind. Sensationsgeile Journalisten ohne Moral …], weisen klar in diese Richtung. Vereinfacht kann man sagen: Wer lediglich Verkaufserfolg will, braucht zwar eine geschmeidige technische Form (und gutes Marketing), aber nicht unbedingt Relevanz. Man kann ja auch mit simplen Gut-Böse-Schemata, Schlüpfrigkeit und/oder Gewalt ein großes Publikum erreichen. Genügt es, wenn die Kasse klingelt und das Ego wächst? Ist das das Ziel einer guten handwerklichen Ausbildung? Oder – mal ehrlich, Kollegen – wollen wir nicht eigentlich lieber Schriftsteller/innen ausbilden, die sich der Wahrhaftigkeit ihrer Erzählung verpflichtet fühlen? Auch in mehr als der Hälfte der von Carlo Feber benannten „technischen“ Qualitätskriterien schimmert die Frage nach dieser Wahrhaftigkeit unausgesprochen zwischen den Handwerkstermini durch [erleben wir die Welt als Leser mit? Spielt sich die Handlung in einem nur behaupteten (Raum) ab oder wird die Landeskultur wirklich illustriert? … die Welt der Figuren sinnlich erfahrbar machen … durch Milieuschilderung das Figurenhandeln metaphorisch aufladen. Hinterfragt „Küchenpsychologien“. Hinterfragt ostentative politische Correctness]. Drastischer formuliert heißt das auch: Denkt nach, grabt tiefer, findet die Widersprüche, schreibt intelligent, also relevant und wahrhaftig!

    Ich behaupte: „Über die realen Machenschaften der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, über ihre Gier und deren Auswirkungen auf menschliches Leben erfährt man heute aus guten Kriminal- und Verbrechensromanen deutlich mehr Wahres, mehr Hintergrund und mehr Konkretes als aus den offiziellen Medien“ (aus dem Essay Die Unsichtbaren im Blick in der Polar Gazette Dezember 2013, Link: http://www.polar-gazette.de). Deshalb sehe ich auf Seiten der Schreibenden eine derzeit besonders greifbare Verantwortung. (Natürlich auch auf Seiten der Verlegenden, von denen die meisten den in den 1970er Jahren noch halbwegs präsenten „Kulturauftrag“ irgendwann auf dem Altar der Profitmaximierung geopfert haben, da wird die Frage nach Verantwortung dann natürlich unbequem und gehört ins hoffnungslos Ideologische abgeschoben … genug polemisiert.) Von mir weiß man eh, dass ich eine radikale Weltverbesserer-Verlegerin bin, eine Gramscianerin und Feministin und so weiter, also kann ich ganz direkt fragen: Autorinnen und Autoren, habt ihr eurem Publikum etwas Substanzielles zu sagen? Könnt ihr mit Wirklichkeitsaspekten aufwarten, die nicht bloß Zeit vertreiben, einlullen oder die große Illusion vom unbegrenzten Konsum noch weiter befördern, sondern unseren Horizont erweitern, das Weltgeschehen verstehen helfen, zum Selberdenken anregen? Habt ihr das Anliegen, eurem Publikum auf Augenhöhe eine Geschichte zu erzählen, die es über Kauf und Lektüre eures Buches hinaus „bewegt“? Wenn ja, dann lohnt es die Mühe, sich all die Techniken und das Werkzeug anzueignen, mit dem man Leser/innen zu Hause abholen, in einen Erzählkosmos entführen und bewegen kann. Wir bewundern gerade die „unbequemen“ Krimiautor/innen vergangener Epochen für ihre Schärfe und Relevanz. Von anderen lernen ist ratsam, und es verpflichtet. Der Kollege Hans-Peter Roentgen schreibt: „Ich würde Plot und Figuren nicht als “formal” bezeichnen, denn beides bestimmt den Inhalt fundamental.“ Ich gehe noch einen Schritt weiter: Form und Inhalt gehören beide in ein Bezugssystem, mit dem sich Schreibende befassen müssen, wenn sie nicht noch mehr Müll produzieren wollen. Man kann nicht wie James Ellroy schreiben, wenn man nicht zornig ist und zornig machen will. Im Hardboiled-Genre und im Noir geht es darum, das Verbrecherische in den Strukturen offenzulegen. Gibt es etwas Absurderes als einen Krimiautor, der mit den Mitteln des Hardboiled-Romans affirmative oder politisch indifferente Geschichten erzählt? Du willst gelesen werden, also willst du eine Eintrittskarte in andere Köpfe. Was gedenkst du in diesen Köpfen zu hinterlassen? Was hast du zu geben, das dich dazu berechtigt? Müll gibt es schon genug.

    Wir, die wir das Handwerk lehren, müssen die Frage nach der Verantwortung zumindest aufwerfen. Und dabei unbedingt den Blick schärfen für den wichtigen Unterschied zwischen Verantwortung und Doktrin, denn echte Schriftsteller/innen lassen uns Lesende selber denken, statt uns Ideologien vorzukauen. Das könnt ihr natürlich auch rein handwerklich-formal ausdrücken (zeigen statt deuten usw.), aber es hängt alles zusammen.

    Findet mit den besten Grüßen ringsum
    Else

    Antworten
    1. Tobias Gohlis Artikelautor

      Verantwortung für Sprache in erster Linie!
      D’accord, d’accord: Das Reale, das Politische.
      Oft vergessen, ständig übersehen: die Sprache.
      Ganz simpel: Ob Krimis niederschwellige Einstiegslektüre sind oder hochartifizielle Gebilde – sie sind Schulen der Wahrnehmung, der Differenzierung, der Beschreibung dessen, was ist oder sein sollte. Ganz schwierig: Genauigkeit. Denken fängt da an. Personencharakterisierung, Spannung, Perspektive: alles erstmal Sprache.
      Statt Präzision findet man bei einer Lektüre, die sich nicht von der Handlung über das Ausgedrückte hinweg schleifen lässt, statt klarer Bilder, Beschreibungen, direkter Dialoge usw. Haufen von Quallen, die sich nicht an die Wand nageln lassen.
      Allzu oft gehen Autoren und Übersetzer nach dem Motto vor: irgendwie wird schon der Sinn durchkommen, wir verstehen sowieso, was gemeint ist, so genau muss man das gar nicht sagen, Hauptsache, das Ding rollt weiter.
      Zum Beispiel „Augen“: Was man in denen alles lesen können soll! Zärtlichkeit, Hass, Verfolgungswahn, Angst, Zweifel, Fröhlichkeit. Guckt doch mal in den Spiegel auf Eure eigenen Glubscher. Was seht ihr? Gor nix.
      Es ist die Mimik, das ganze Gesicht, das die Gefühle ausdrückt. Wenn die Augen gelb sind, hat man Hepatitis. Sonst sind sie blau, blaugrau, braun, schwarz, in letzter Zeit öfter grün. Aber sonst ist nix drin. Mal reingucken.
      Schreiben kommt von Zuhören, Beobachten, Worte finden, Worte abschmecken.
      Die Verantwortung beginnt mit der Bemühung um eine präzise Sprache. Im Krimi erst recht: Geht’s da nicht um Reales?

      Ahoi
      Tobias

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      1. Hans Peter Roentgen

        Das wäre natürlich ein spannendes Thema für die nächste Krimi Machen Tagung. Welche Sprache verträgt der Krimi? Was für eine Bedeutung hat Sprache in Krimi/Thriller? Ganz schwierig: Genauigkeit (Tobias Gohlis). Das kann ich voll unterschreiben.
        Aber dennoch sehe ich die Sprache nicht am Anfang. Sprache wird auch dadurch geprägt, wie genau der Autor seine Figuren, seinen Plot kennt. Sprache verrät so viel und oft sind stilistische Mängel, schluddrige Sprache ein Zeichen dafür, dass der Autor eben auch bei den Figuren und dem Plot schluddrig war.
        Umgekehrt wird die Sprache oft besser, wenn der Autor noch mal in seine Figuren kriecht, ihnen näher kommt, sie genauer beobachtet. Dito beim Plot. Wer weiß, wie seine Figuren ticken, kann sie auch treffend sprechen lassen.
        Und dann gibt es die Krimis, da ordnet sich die Sprache ganz der Handlung unter. Sie ist nicht schluddrig, es wird genau beobachtet, aber die Sprache ist Dienerin eines anderen Herrn. auch das ist möglich. Daneben gibt es die „literarischen Krimis“, bei denen die Sprache natürlich eine zentrale Stellung hat.
        Spannendes Thema.

        Herzliche Grüße, Hans Peter

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    2. Ria Klug

      Die Verantwortung erscheint mir manchmal wie ein Sattel, der auf meinen Rücken soll. Warum will man auf mir reiten? Den nötigen Hafer dafür bekomme ich von meinem Verlag nicht.
      Damit werden eher die gefüttert, die als Krimi getarnte Reiseführer schreiben. Oder sonstwie den Mainstream und den Verleger bereichern.
      Ich möchte nicht falsch verstanden werden, gegen die Verantwortung habe ich grundsätzlich nichts. Mir selbst gegenüber, denn für mich macht es keinen Sinn, die Bücherberge mit Trivialitäten zu erhöhen. Das politische, feministische und soziale Engagement will es eben anders.
      Nur möchte ich gerne genauso frei sein, wie diejenigen, die Geld damit verdienen. Als Autorin kann von Letzterem keine Rede sein.
      Kurz und schmerzlos: Die AutorInnen bilden das schwächste Glied in der Kette und sollen deswegen oder trotzdem die Verantwortung tragen, die von Randomhouse oder Hugendubel nicht einforderbar ist?
      Da den Stab über jemanden zu brechen, die(der) leichte Unterhaltung schreibt, scheint mir nicht angemessen.
      Ich finde, eine Liebesschnulze hat auch ihr Recht, kann unterhaltsam sein wie eine Buttercremetorte. Die Dosis entscheidet über das Unwohlsein.

      Antworten
  4. Ulrike Rodi

    Meines Erachtens sollte bei Krimi machen 2 auch ein Fokus auf Buchkäufer/Leser gelegt werden. Mindestens, indem Leute vom Point of Sale, und damit meine ich BuchhändlerInnen aus Großbuchhandlungen, die mit Massen zu tun haben, das Wort bekommen. Besser noch, wenn Krimileser, die zuhauf Mainstream lesen und für gut befinden, dazugeladen werden (vielleicht findet man über lovelybooks geeignete Personen?). Denn den Publikumsgeschmack unberücksichtigt zu lassen, scheint mir sehr abgehoben. Zumal wir alle nicht von Luft und Liebe leben. Warum machen wir denn alle nicht nur Krimis, die die Kritiker hochjubeln? Vielleicht – weil das Publikum sie nicht lesen mag …?

    Antworten
    1. Else Laudan

      Liebe Ulrike,
      ich stimme einerseits zu, dass AUCH BuchhändlerInnen, die mit Massen zu tun haben, zu Wort kommen sollten (was übrigens bereits bei Krimis machen 1 der Fall war, wo sich mindestens 2 Buchhändlerinnen aus Mainstream-Filialistenläden zu Wort meldeten) – schon aus Gründen der Bodenhaftung. Und weil sie als Schnittstelle zur Öffentlichkeit auch ganz pragmatisch dazugehören, will man darüber reden oder forschen, wo das Genre steht oder gedeiht oder hin will.
      Aber das Plädoyer für den Fokus auf Leser, speziell „Krimileser, die zuhauf Mainstream lesen und für gut befinden“, bringt mich spontan auf die Palme. Mit Verlaub: Gerade solche Leser sind meiner Ansicht nach keineswegs unterrepräsentiert, sondern z.B. im Internet geradezu omnipräsent (wie auch in den Köpfen der Buchhändlerinnen – so zumindest lautet das Credo vieler Vertriebler/innen). In unserer Branche und speziell in unserem Genre wird in der vertrieblichen Praxis, in der PR und sogar in den meisten Mediendiskursen ständig der Massengeschmack hofiert, was die Dinge oft nicht gerade zum Besten wendet. Die Tagung „Krimis MACHEN“ muss, wie ich finde, nicht auch noch ausgerechnet in dieses Horn stoßen.
      Und „DEN Publikumsgeschmack“ als gegeben zu bezeichnen unterschlägt schon mal gleich im Vorfeld, dass es da doch zumindest Wechselwirkungen mit Marketing und Marktmacht gibt, oder? Nichts für ungut, aber ich frage mal provokant: Was soll es uns bringen, den ständig Neues assimilierenden Mainstream wie eine höhere Wahrheit zu betrachten? So muss eine Vertriebs-Task-Force vorgehen, und deshalb ist deren wichtigstes Instrument die Bildzeitung.
      Also mich würde es viel mehr reizen, mal diese Frage auszuloten: Haben wir Hinweise, wer welche Krimis liest/liebt? Gibt es Erkenntnisse, lassen sich vielleicht diverse Erfahrungen rückkoppeln, worauf was für Publikumsgruppen reagieren/anspringen und warum? Wofür sind welche Krimilesenden interessierbar?
      Herzliche Grüße
      Else

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  5. Gudrun Hebel

    Aber sicher bekommen wir nur eine Auswahl ausländischer Krimis ins Deutsche übersetzt – und zwar ganz grob nach dem Schema: Deutsche Autoren sollen über deutsche Themen schreiben, schwedische Krimis sollen in Schweden spielen, amerikanische Autoren dürfen weltweite settings wählen – nach Aussage der Lektoren fordern die Buchhändler das so. Ich fände auch deshalb einen Austausch mit dem Vertrieb spannend – und möchte zudem die These in den Raum stellen, das in Zeiten von ebooks das Schubladendenken von Verlagsseite durchbrochen wird.

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  6. Carlo Feber

    Zur Autorenausbildung

    In keiner anderen Kunstform wird überhaupt in Frage gestellt, dass Talent geformt werden kann und sollte. Bei Musik, Komposition, in der Malerei und Bildhauerei und in vielen anderen Künsten gibt es von renommierten Ausbildungsinstitutionen bis zur inoffiziellen Meister-Klasse ein breites Spektrum an Auseinandersetzung damit, „wie“ man die jeweilige Kunst denn macht. Nur in der Literatur bedarf der künstlerische Mensch dessen nicht?
    Gerade die amerikanische Kriminalliteratur wird uns deutschsprachigen Autoren und Autorinnen oft als die „eigentliche“, zumindest als die einzige auf der künstlerischen Höhe der Zeit, und als Maßstab für unsere Bücher entgegengehalten. So lesenswert vieles aus der amerikanischen Kriminalliteratur auch ist, die dort weit verbreiteten Creative-Writing-Kurse haben daran sicher einen Anteil.
    Sie fordern und fördern nämlich Talente. Autorinnen und Autoren haben Gelegenheit, sich auszuprobieren und voneinander zu lernen. Erst wenn man die Regeln und Traditionen der eigenen Kunst kennt, kann man sie kreativ brechen und erneuern. Zumindest in den meisten Künsten sieht man das so.
    Es wäre nur fair, auf die Podien auch Leute einzuladen, die freiwillig solche Ausbildungsformen gesucht und besucht haben. Mittlerweile gibt es nämlich eine Reihe von erfolgreichen deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, die durch solche „Schulen“ gegangen sind. Man könnte sie fragen, warum sie diesen Weg genommen haben und was es ihnen für ihre Krimis gebracht oder nicht gebracht hat.

    meint
    Carlo Feber

    Antworten
    1. Tobias Gohlis Artikelautor

      Lieber Carlo Feber,
      im Prinzip gebe ich Ihnen vollständig recht. Autorenausbildung steht ja schon auf unserem Programmentwurf für KM 2. Allerdings ist Ihr Kommentar noch sehr allgemein
      Ich fände es sehr gut, wenn Sie aus Ihrer Erfahrung bei Akademie.de – evtl. auch mit Lisa Kuppler gemeinsam – Thesen oder ähnliches zur Ausbildung (Kriterien, Anforderungen, Erfahrungen) von Krimiautoren formulieren könnten und Ihre Registrierung auf diesem Blog dazu nutzen würden, um dieses Papier als Beitrag hier öffentlich einsehbar zu machen.
      Ciao!
      Tobias Gohlis

      Antworten
      1. Else Laudan

        Kleine Anmerkung zu „Autorenausbildung“:
        Falls dieses Thema auf breiteres Interesse stößt, könnte man auch über ein Podium mit mehreren „Ausbilder/innen“ mit möglichst verschiedenen Prioritäten und/oder Ansprüchen nachdenken. Ich selbst schule seit gut 20 Jahren Autorinnen, tue das leidenschaftlich gern, habe allerdings höchst eigenwillige (u.a. gender- und kulturpolitische) Ansprüche … und würde mich an Diskussionen dazu jederzeit eifrig beteiligen.

        Antworten
        1. Ria Klug

          Ich bin leidenschaftlicher Fan von Lernen und Ausbildung und war u. a. Studentin bei Lisa und Carlo im akademie.de – Programm.
          Daher könnte ich ich etwas über den Nutzen von solchen Ausbildungen beitragen. Wobei ich ganz allgemein anmerke, dass kaum jemand den Sinn einer Ausbildung im Handwerk bestreitet, das kommt anscheinend nur in der (Schreib)Kunst vor.
          Das Beherrschen der ‚Genreregeln‘ zählt für mich zum Handwerk. Offen bleibt ja, ob man sie befolgt. Das zählt für mich zur Schnittstelle Handwerk – Kunst .

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      2. Hans Peter Roentgen

        Lieber Tobias Gohlis,

        Autorenausbildung finde ich natürlich auch interessant, aus sehr egoistischen Gründen. Schließlich habe ich drei Schreibratgeber verfasst und biete Autoren Lektorate an.

        Das ist immer wieder eine spannende Frage, was man da tut. Schon allein die Frage, ob man die Autoren auf das Handwerk hin trainiert – oder auf die Genreregeln hin. Ich glaube zwar nicht, dass Mainstream prinzipiell schlecht ist, dazu kenne ich zuviele gute Mainstreamliteratur. Aber Nachwuchsautoren von Anfang an in Richtung Verkäuflichkeit zu trainieren?

        Und die zweite Frage: Was kann man erreichen? Da gbit es oft abenteuerliche Vorstellungen, etwa, dass ein Autorencoach in einem Jahr die Veröffentlichung sicherstellen soll – oder die Vorstellung, dass es gar keine handwerklichen Regeln gäbe. Noch interessanter sind ja die Veränderungen im öffentlichen Bewußtsein. Vor zehn Jahren wurden handwerkliche Regeln grundsätzlich geleugnet und ich habe immer wieder an Beispielen zeigen müssen, dass es die gibt. Heute ist es umgekehrt, viele Nachwuchsautoren wollen vor allem die Regeln einhalten und ich muss immer mal wieder sagen: Regeln gibt es, aber sie garantieren dir vielleicht einen lesbaren Text aber nicht automatisch den tollen Roman.

        Wenn es gewünscht wird, kann ich etwas dazu vorbereiten.

        Herzliche Grüße, Hans Peter Roentgen

        Antworten
      3. Feber

        Zur „Ausbildung“ von Krimiautoren und –autorinnen
        Es gibt keine andauernde Nachfrage ohne echten Bedarf

        Seit gut zehn Jahren gebe ich mit Lisa Kuppler Kurse zum Kreativen Schreiben. Wir leiten Krimi-Seminare und coachen Roman-Projekte.
        Ich kann im Folgenden nur für mich sprechen.
        Ich „lehre“ nicht das „Krimi-Schreiben“, sondern unterstütze Autorinnen und Autoren dabei, ihr Schreiben durch die Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Texten zu verbessern. Bildlich gesprochen: Es geht nicht um Kochrezepte, sondern darum, was Genuss beim Essen ist und wie man ihn herbeiführt.

        „Dann habe ich was Eigenes, mein Krimi-Diplom …“ –
        zum Diplom-Krimiautor kann niemand ausbilden.

        Wir auch nicht.
        Was ich allerdings in Seminaren und Schreibwerkstätten fördern kann, ist die Auseinandersetzung der Autoren und Autorinnen mit den Tricks, Techniken und Erfahrungswerten der eigenen Kunst, die das literarische Schreiben wie jede andere Kunstform hervorgebracht hat.
        Beim Krimi tritt dann noch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Genres und den besonderen Erwartungen der Genre-Leser hinzu.
        Ich nenne das, was wir vermitteln können, mal literarisches Handwerkszeug.

        Regel Nummer 1: „Du sollst nicht langweilen“ –
        Autoren und Autorinnen tun es aber doch, ganz gegen ihre Absicht, und wissen nicht warum.

        Woher kommt nun die zunehmende Nachfrage nach Workshops, Seminaren, Schulungen?
        Es handelt sich hier um einen Konflikt von Inhalt versus Form.
        Das scheint auf den ersten Blick eine langweilige Uraltdebatte mit Bart zu sein. Zumindest in den Augen all derjenigen, die keine Krimis selber schreiben, sondern konsumieren wollen.
        Die Autoren und Autorinnen hingegen, die sich bei mir und Lisa Kuppler Unterstützung in Workshops suchen, verspüren bei der Verbindung von Form und Inhalt ihrer eigenen Projekte allerdings eine große Verunsicherung.
        Denn die Wahrnehmung von Kriminalliteratur und das Sprechen über Krimis scheint inzwischen zu sehr auf den inhaltlichen Aspekt der Texte – das jeweilige gesellschaftliche Thema – fokussiert. Die Würdigung der sprachlichen und strukturellen Form wird vernachlässigt, obwohl sie für die (Spannungs-)Wirkung der Krimigeschichte unabdingbar ist. Die künstlerischen Leistungen der Autorinnen und Autoren in dieser Dimension werden zu wenig gewürdigt.
        Aber ohne eine stärkere Debatte auch dieser formalen Aspekte fehlt im Diskurs über Krimis eine Orientierung, wenn man als Autor, Autorin einen Krimi neu schreiben will und sich fragt: Welche Form ist denn für mein Krimi-Thema sinnvoll? Mit welchem literarischen Handwerkszeug schaffe ich die für meinen Krimi optimale Verbindung von Form und Inhalt?
        Diese Lücke in der Auseinandersetzung über Kriminalliteratur versuchen die vielen Seminare und Workshops mit ihren Textübungen, -debatten, Schreibwerkstätten etc. pp. zu schließen.

        „Prämierte Qualität, Pseudoliteratur und Schund“
        Alle reden von „guten“ und „schlechten“ Krims – die Maßstäbe der Qualitätsurteile bleiben allerdings intransparent

        Dass wir uns Kollegen-Bashing weitestgehend ersparen spricht für die Kommunikationskultur der Krimi-Szene. Dass wir der Debatte um konkrete Qualitätsmaßstäbe jenseits des Vier-Augen-Gesprächs meist ausweichen eher weniger.

        Die Autoren und Autorinnen in meinen Workshops streben ganz unironisch weiter nach der Verbesserung des eigenen Schreibens (von Krimis) – und damit nach Qualität. Das heißt konkret: Sie suchen nach der richtigen Anwendung des literarischen Handwerkszeugs für ihr jeweiliges Projekt. Sie wollen lernen.
        Denn intuitiv wissen alle Autorinnen und Autoren, dass es wie bei jeder Kunst auch bei der Wortkunst Erfahrungen mit künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Wie jede Kunst hat auch die Wortkunst Techniken entwickelt, mit denen man sich auseinander setzen kann. Und sollte.

        Also mal ganz konkret…

        Maßstäbe für eine Qualitätsdebatte im Krimi hinsichtlich des literarischen Handwerkszeugs könnten aus meiner Erfahrung mit vielen hundert Projekten von angehenden und etablierten Autoren und Autorinnen sein:

        Wie stark ist der Plot?
        Sprecht nicht bloß über das gute Thema eines Krimis, sprecht auch darüber, ob das gute Thema in vielen packenden Szenen dargestellt worden ist.
        Kritisiert Vorhersehbarkeit im Plot.
        Kritisiert eindimensionale Plots.
        Mahnt Nebenhandlungen an, die den Plot spannender machen und komplexer gestalten.
        Würdigt, wenn ein Krimi für ein gutes Thema mehr als einen Plot-Strang anbietet.
        Würdigt, wenn sich die Autoren und Autorinnen komplexe Handlungsgefüge ausdenken und mehr als einen Nebenstrang anbieten.
        Würdigt, wenn das Thema in Handlung dargestellt wird und nicht bloß im Dialog behauptet wird.
        Würdigt überraschende Wendungen, raffinierte organisierte Zuspitzungen.
        Würdigt eine überraschende Spannungsstruktur des Krimis als künstlerische Leistung.

        Wie angemessen ist die Erzählhaltung?
        Muss auktoriales Erzählen noch sein? Muss Head-hopping zwischen Figuren sein? Bringt es dem konkreten Projekt etwas oder hat sich ein Autor bloß keine Mühe gemacht?
        Ist der Präsens als Erzählzeit nur unreflektierte literarische Mode oder stimmig für die Geschichte?
        Würdigt ein raffiniertes Spiel mit Erzählhaltungen, Erzählstimmen, Figurenperspektiven, egal ob in Ich- oder Er/Sie-Perspektiven erzählt wird.

        Erzeugt der Text eine besondere Atmosphäre?
        Macht der jeweilige Krimi das Handlungsmilieu wirklich erfahrbar? Oder begnügt sich der (faule) Autor mit lieblos hingeworfenen Sammelbegriffen?
        Wird wieder mal nur Kaffee getrunken und dabei gequatscht, oder erleben wir die Welt als Leser mit?
        Spielt sich die Handlung in einem nur behaupteten Frankreich / Schweden /Amerika/ Deutschland ab oder wird die Landeskultur wirklich illustriert?
        Würdigt, wenn die Autoren die Welt der Figuren sinnlich erfahrbar machen.
        Würdigt, wenn die Milieuschilderung gar dazu genutzt wird, das Figurenhandeln metaphorisch aufzuladen.

        Handeln die Figuren plausibel innerhalb der Geschichte?
        Nennt „behauptete“ Gefühle à la „starrte sie entsetzt zur Leiche“ einfach schlecht.
        Nennt „gezeigte“ Gefühle gut.
        Hinterfragt „Küchenpsychologien“ aller Arten, ob sie wirklich überzeugen.
        Hinterfragt ostentative politische Correctness von Figuren.
        Hinterfragt die Plausibilität des Figurenhandelns auch noch in Szene 37.
        Würdigt, wenn der Leser wirklich die Figur kennenlernen darf und nicht nur die Meinung des Autors, der Autorin zur Figur.
        Würdigt jede ungewöhnliche Figur und Figurenkonstellation.

        Entspricht die sprachliche Umsetzung der erzählerischen Phantasie?
        Nennt (Sprach-)Klischees konsequent vermeidbare Klischees.
        Würdigt die erzählerische und die formal gestaltende Phantasie und den Mut zum formalen Experiment.

        Je mehr auch außerhalb von Schreibseminaren über das Zusammenspiel von thematischer Absicht und optimaler handwerklich-literarischer Umsetzung geredet wird, desto besser.

        Die vielen Autoren und Autorinnen in den zahlreichen Schreibworkshops glauben noch an Qualität. Sie jedenfalls ringen freiwillig und hartnäckig darum, wie sie am besten bei Form versus Inhalt mit den Lesererwartungen raffiniert und spannungsreich spielen können – zu ihrem Vergnügen und dem der Leserschaft.

        Carlo Feber

        Antworten
        1. Hans Peter Roentgen

          Danke Carlo Feber, für die ausführliche Darstellung zu Handwerk und Autorenausbildung.

          Das kann ich nur unterstreichen. Gerade die Auseindersetzung mit den eigenen Texten und denen anderer Autoren bringt Autoren weiter und ist der Grund, dass sich Schreibworkshops, Schreibratgeber und Seminare steigender Beliebtheit erfreuen.

          Weil es erstens den Blick schärft für die Probleme im eigenen Text. Und zweitens dem Autor Möglichkeiten zur Verfügung stellt, diese Probleme zu lösen. Wie erkenne ich zum Beispiel, ob ich zuviel erkläre, wo steht in meinem Text einfach ein Lexikonartikel, der eine politische Situation erklärt? Und welche Techniken gibt es, ihn in einen spannenden Text zu verwandeln. Eben all die Tricks, die es gibt, und die man kennen sollte, weil sie nützlich sein können. Sozusagen die Handwerkskiste der Autoren. Man muss eine Rohrzange nicht benutzen, aber man sollte wissen, dass es sie gibt, wie man sie benutzt und wann sie hilfreich sein kann (und wann nicht). Und sowas lernt man durch die Auseinandersetzung mit den eigenen Texten.
          Was man auch daran lernen kann: Zu erkennen, was das Hauptproblem ist. Es hat wenig Sinn, alles auf einmal beheben zu wollen (das gilt für alle Kunst und Technik). Wenn die Figuren noch hölzern sind, dann hat es keinen Zweck, am Stil zu basteln, dann muss man lernen, in die Figuren einzutauchen. Und wenn das gelingt, dann wird der Stil oft automatisch besser.
          Nichts schlimmeres, als an solchen Stellen die Schiene zu fahren: Ist der Text gut oder schlecht? Tonne oder genial? Schwarz oder Weiß, das ist im deutschen Feuilleton sehr beliebt, bei Schreibworkshops ist das tödlich.
          Ich würde Plot und Figuren aber nicht als „formal“ bezeichnen, da unterscheide ich mich von Carlo Feber, denn beides bestimmt den Inhalt fundamental. Wenn das nicht stimmt, dann kommt vielleicht ein „politisch korrektes“ Werk heraus (das deshalb möglicherweise sogar gekauft wird), aber letztendlich wird es die berühmte „me too“ Schiene, voller Behauptungen und Glaubensbekenntnissen aber so vorhersehbar wie der Nebel im November in Freiburg, auf den ich gerade starre und mit Sätzen wie:
          „Du Mistkerl!“ schrie sie wütend. Sie war außer sich!

          Das ergibt dann Banker, die was sind? Natürlich gierig. Muslime, die Zwangsheiraten organisieren (oder, bei politisch korrekten: die immer nett und freundlich sind). Politiker, die korrupt sind. Sensationsgeile Journalisten ohne Moral.
          Nicht dass Banker nicht *auch* gierig sein können (aber nicht müssen), aber vor allem sollten es lebendige Figuren sein, die der Leser vor sich sieht, statt den Pappkameraden, der oft stattdessen genommen wird.

          Und ich glaube ebenfalls wie Carlo Feber, das wir ein sehr viel differenzierteres Bild benötigen, um Krimis zu beurteilen. Die beliebte Schiene „Das ist Mainstream, also Mist“, „Bestsellerschrott“ bringt uns nicht weiter. Zahlreiche Werke der Vergangenheit, die in die Literaturgeschichte eingegangen sind, waren Bestseller, Franz Kafka, dem der Erfolg zu Lebzeiten verwehrt blieb, war eher die Ausnahme, als die Regel. Natürlich heißt das nicht, dass Bestseller grundsätzlich gut sind.

          Und was ist das Gegenteil von einem guten Buch, der gerne zitierte Schund? Die Zahl der Autoren und Bücher, die zu Lebzeiten als Schund bezeichnet wurden und heute in die Literaturgeschichte eingegangen sind, ist ziemlich groß. Was meint man also mit „Schund“ oder „Kitsch“? Die beliebte Technik, einfach bestimmte Genres zum Schund zu erklären (Regiokrimis, Groschenhefte, etc.), geht meiner Meinung nach am Problem vorbei.

          Ich glaube, wir brauchen sehr viel differenziertere Kriterien. Dann kann man auch Büchern zugestehen, dass sie zwar stilistisch zu wünschen übrig lassen, aber geniale Plots vorstellen. Oder umgekehrt. Oder ganz anders.

          Ich habe eine Menge in Schreibwerkstätten gelernt, in solchen, an denen ich teilgenommen habe und in denen, die ich selbst geleitet habe.

          Herzliche Grüße, Hans Peter Roentgen

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  7. Joachim Feldmann

    Lieber Tobias,

    am meisten interessiert mich Thema Nr. 1 – Kritik und Wertung. Gibt es eine Ästhetik des „Schunds“? Wie „literarisch“ darf ein Kriminalroman sein? Entsteht Klasse im Genre nicht zuletzt durch Schreibroutine, siehe Elmore Leonard, Ed McBain, Robert B. Parker u.v.a.? Am liebsten wäre mir eine Diskussion an Textbeispielen. Ich könnte mir auch vorstellen, unterschiedliche Formen der Krimikritik beispielhaft zu debattieren.
    Herzlich, Joachim

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    1. Carlo Feber

      Ich möchte den Vorschlag unterstützen, dass die Diskussionen zu Kritik und Qualität im Krimi mit konkreten Textbeispielen geführt werden. Die Konzentration auf 3-5 vorab bekannt gemachte Texte würde vermeiden, dass die Diskutierenden wie sonst oft Autorennamen in die Runde zu werfen, die dann wieder nur ein Drittel der Anwesenden gelesen hat, bevor der nächste demonstriert, wie belesen er 1985 schon war … Vielleicht gelänge es dann, den Kritikern einmal zuzuschauen und zuzuhören, wie sie ihre (un-)bewussten Maßstäbe und Kriterien bei der Definition von Krimi-„Schund“ oder bei der von ihnen prämierten Krimi-Qualität transparent und damit erst diskutierbar machen müssen.
      Vielleicht wird dann auch sichtbar, ob es Konsens über Mindeststandards gibt. Und ob es überhaupt eine Wertschätzung für die handwerkliche Qualität von Krimi-Texten im Sinne der Bedienung von Genre-Erwartungen gibt. Oder welchen Belesenheits-„Bias“ die Kritik am Krimi warum auch immer hat.

      meint Carlo

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      1. Tobias Gohlis Artikelautor

        Lieber Carlo Feber, lieber Joachim,
        Konkretion ja. Zu kleine Textbeispiele allerdings könnten problematisch werden: da tendiert die Diskussion schnell Richtung Textlektorat, nicht Richtung Wertung und Kriterien. Also: weitergrübeln, wie man das gut hinkriegt.
        Die Vorstellung, sich über „Mindeststandards“ zu einigen, bereitet mir Unbehagen. Das geht entweder schnell in Richtung faule Kompromisse: Was taugt ein gekonnter Spannugsbogen (Mindeststandard), wenn er, wie im Fall von Dan Browns Inferno dazu benutzt wird, dem Publikum reaktionäres, antihumanes Gedankengut unterzujubeln? Oder es geht in Richtung Uniformierung. Sie selbst geben da ja schon eine entsprechende Linie vor, indem Sie

        Wertschätzung für die handwerkliche Qualität von Krimi-Texten im Sinne der Bedienung von Genre-Erwartungen

        einfordern. Handwerkliche Qualität – darüber könte man ja diskutieren. Aber zur Bedienung von Genre-Erwartungen? Welche? Wessen? Das führt leicht zum besinnlichen Rühren im Quotentopf, eine schamanistische Praktik, die nur Abteilungsleiterdarsteller beherrschen.
        In diesem Sinne: Ungerührt
        Ihr Gohlis

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    1. Tobias Gohlis Artikelautor

      Lieber Frank, danke für die Angebote. Am spannendsten finde ich Deine Erfahrungen im TV. Magst Du da ein paar Thesen aufstellen über das Leitmedium und seine Wirkungen auf das Krimischreiben und die „Krimi“-Kultur?
      TG

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  8. Philipp Elph

    Interessante Vorschläge. Am Krimi Machen 2 würde ich gern als Blogger und Hobbyrezensent teilnehmen. Mal schauen, wo die Veranstaltung stattfinden wird.
    Gruß,
    PE

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  9. Christine Lehmann

    Ich frage mich zusätzlich: Wie professionell ist unser Schreiben in Deutschland eigentlich? Produzieren wir Lesestoff (uneitel und für eine Leserschaft, egal welche) oder dient uns das Buch, das wir geschrieben haben, als Accessoire unseres Standings in der Stadt, in der wir leben, in einem Freundeskreis? Warum wirken ausländische Krimis auf uns eigentlich interessanter und professioneller. Sind sie es auch, oder kommt es uns nur so vor, weil uns die Welt fremder ist als unsere eigene?

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    1. Tobias Gohlis Artikelautor

      Liebe Christine,
      Ich finde, dass ausländische Krimis nicht per se professioneller wirken. Exotischer vielleicht, wenn sie es schaffen, Räume zu öffnen und nicht Phrasen zu dreschen.
      so long TG

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      1. Philipp Elph

        Wir bekommen sicherlich nur eine Auswahl ausländischer Krimis vor unsere Lesebrille – gleich, ob im Original oder übersetzt.
        Zudem gibt es genügend interessant und auch professionell wirkende aus dem deutschsprachigen Raum, aber natürlich auch jede Menge recht unglücklicher Versuche.

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